undercurrent

Als er am Strand steht, ein Handtuch in der Hand, aufs Meer blickt. Als hätte er etwas verloren, vor Urzeiten, die Erinnerung trübt sich ein. Er erinnert Adern unter der gläsernen Haut, Luftperlen auf einem Körper, wie das Wasser über sie strömt, die Blutkörperchen im Innern, Mitochondrien, Plasma. Er sieht jede Zelle unter ihrer Hülle, die Wölbung ihrer Schlüsselbeine, die Linie ihres Halsansatzes. In seinem Traum Welle um Welle, immer wieder. Er entkleidet sich, tritt ins kalte Nass. Etwas empfängt ihn, eine Spur, ein Pfad. Das Handtuch wird lange liegen bleiben, bis es davon getragen wird, im Winterwind.

#non

lac constance en soleil.

les nuages se font tourner, là-bas, devant la fenêtre, attachés aux cordes qui coupent les ciels bleus, verts, noirs, tous les couleurs entre l’encoffrement de son tête. elle se met en devant du carreau, dans son appartement aux cieux, en ses mains une coupe du thé gris, son jacquard trois calibres trop grand. entre les vitres, les molécules d’air se font penser aux grands airs libres devant, aux gouttes sur la verre, comme des lettres perdues, des mots jaunes sur la rue, la cité imaginaire. qu’est-ce qu’elles sont disposées à dire, raconter, en cet vendredi pluvieux. non, dit-elle, mais non, ceci-là, c’est pas ma vie, mon avenir, ma–

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metaphase [II]

die alten texte lesen, die zettel auf dem boden, unser meer | wir bauen ein papierschiff, und–

du stehst im türrahmen. der türrahmen steht in einer vergessenen stadt, ein eigentümliches leuchten umfängt die luft um dich. ich kann nicht fokussieren, deine silhoutte weicht den blicken aus. du tanzt einen schritt auf mich zu, dein kleid umspielt die beine, ein leises elektrisches summen füllt den raum. überhaupt, dieser raum. irgendetwas hat den brechungsindex verschoben, die luft breitet sich in wellen aus, dein kleid durchnässt vom sauerstoff. du trittst näher, ein leiser riss in der zeit, wie zerschnittenes papier. die andeutung eines lächelns, dann verschwindest du hinter der schnittkante. Weiterlesen „metaphase [II]“

#phantomschmerz

ich werde nicht mehr schreiben.

ich sitze hier und schreibe. der stift fliegt über das digitale papier, vorher habe ich die schublade geöffnet, worte fallen heraus. ich muss aufkehren, staubflusen greifen die zettel mit ihren kleinen ärmchen, beginnen zu lesen, tauschen worte gegen kekskrümel, erzählen ihren wollmäusen davon. in den baumkronen vögel, sie zwitschern ein digitales rauschen. nullen und einsen hängen an den ästen, ich nehme eine eins, sie passt in das geheimnissvolle schloss an der wand. eine geheimtür öffnet sich, und da steht – Weiterlesen „#phantomschmerz“

milch und zeit

Als Milena ins kalte Tageslicht tritt, die Arme noch blutend, aus dem düsteren Bau an der Georg-Bähr-Straße, an diesem Novembermorgen im Jahr 1939. Als Kafka seinen Morgenkaffee verschüttet, in seiner Villa auf den Klippen in Pacific Palisades, Anzug, Krawatte, ob der Zeitungsnotiz. Zitternd zieht er sein Tablet hervor, neuestes Modell, die Presse scheint desinteressiert, nennt keine Details. Thomas Mann schaut prüfend vom Nebentisch herüber, widmet sich wieder seiner Konversation.

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