metaphase

franz lag am boden des swimmingpools. wie still es hier war, und wie blau. das licht brach sich in den sanften wellen, fiel in fäden durch das becken, die luftblasen schimmerten sanft. über sich sah er die wolken ziehen. auf sauerstoff hatte er verzichtet, dafür trug er eine musil-ausgabe im arm. in ruhe lesen, endlich.

zwischendeck

ich schliesse die tür auf. fünfter stock, dachgeschoss. auf dem boden stehen grosse pflanztöpfe voll erde. die bäume nehmen beinahe den gesamten raum ein, ich muss sie schneiden, jede woche, zu niedrig, und sie stützen die decken nicht mehr, zu hoch, brechen sie durch, ins unbarmherzige sonnenlicht. regen fällt auf den fußboden, wind weht durch die blätter, erste vögel ziehen ein. ich habe meine kinder verloren, in diesem wald. ab und an schaut ein roter fuchs vorbei, ich schreibe ihm zettel, reiße kleine gedichte aus der luft, er bringt sie zu ihnen. ich koche kaffee und warte auf antwort.

mohnblüte

f.k.

Er hatte sein Tagwerk getan, einen langen Abendspaziergang absolviert, war schliesslich über den Entwürfen am Schreibtisch eingeschlafen. In einem Stapel sein Opus Magnum, druckreif, hundert Seiten Papier, wie sie die Welt noch nicht etc. pp. Im ersten Morgenlicht fuhr er sich durchs Haar, kochte Tee, zog Hut und Mantel an und schritt zur Tür. Erst als er bei seinem Verleger klingelte, fiel im auf, dass er an Stelle des namenlosen Süßgebäcks in seiner Hand das Manuskript zum Frühstück eingenommen hatte, an Salzbutter und Himbeerkonfitüre.

Kafkas Novelle „Das Franzbrötchen“ ging nie in Druck.

#auflösung

Als Anne vom Regen wach wurde, war der Morgen noch ein fahler Streif am Horizont. Vor der Holzhütte hatte sich das Wasser weit zurückgezogen, vielleicht würde es erst nächste Woche wiederkommen, oder in hundert Jahren. Die Boote träumten ihre radioaktiven Träume auf dem trockenen Grund. Sie fuhr über die Linien seines schlafenden Körpers, sog den Duft ein, betrachtete sein Haar im schalen Zwielicht. Mit einer schläfrigen Bewegung zog er sie auf sich. Küsse im Morgengrauen.

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45°09′17″N 59°20′06″E

Als Anne am Aralsee angekommen war, genoss sie die Salzluft. Der Zug hielt an einem verlassenen Bahnhof. Wind strich durch die Fensterläden. Am See standen Liegen am Wasser, verblichene rotweiße Sonnenschirme. Sand, soweit das Auge reicht; am Horizont ein trübes Flimmern. Ab und an ein Salamander, scheu, handtaschengroß. Im Hotel kein Rezeptionist, Staub auf den Regalen. Hier würden Worte wachsen, wie Schiffswracks im trockenen Grund.

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