friends with tired eyes (x)

Eine Kooperation mit f_tosse.

Die Dunkelheit zwischen den Momenten, nackte Haut am kalten Fensterglas, die Zeit schiebt sich talwärts. Wie lange sie schon hier steht, kann sie unmöglich sagen, in diesem holzvertäfelten Albtraum, die aufgeworfene Decke, sein Duft noch im Raum. Draußen Stille, vergletscherte Einsamkeit. Nebelschwaden, vereinzelte Skifahrer.

Anita Lane betrachtet den Raum. Von unten dringt leiser Gesang hinauf, Nick sitzt am Flügel, bestimmt hat er Kerzen angezündet, übt den neuen Refrain, den sie ihm, vor ein paar Wochen, in Berlin. Der Gedanke trifft sie wie ein Schlag. Wenn man zu lange in dieser Stadt bleibt, hatte er erklärt, passiert etwas, nachts schliessen sich die Mauern, rücken näher, langsam, unmerklich, wie ein schwerer Traum, schleichen sich in die Gedanken, schnüren die Luft ab. Sein Abdruck im Kissen, die Spritzen im Waschbecken, die Bowie-Biografie, neben der Matratze. Wie sie nachts durch die Straßen zogen, unter Laternenlicht, hier muss er gestanden haben, hier lief er entlang, Arm in Arm mit Iggy, und. Eine Erinnerung aus unendlich ferner Zeit, einem anderen Leben, waren das– Sie spürt den Brustkorb enger werden, atmen, nur atmen. Draußen senkt sich Nacht über das Tal, tanzen erste Schneeflocken durch das Dunkel. In den Nächten, das weiß sie sicher, kommt die Decke näher, unter der Last, unmerklich, Millilmeter für Millimeter, bis. Dann, Dunkelheit.


Blixa trägt das schwarze Risotto herein, Mick und Barry schieben Stühle herbei. Nick steht auf, ein Glas Scotch in der Hand, holt Luft. Es war noch in Melbourne, da hatte sie ihn zum ersten Mal gesehen. In seinem zu engen Anzug, neben der Bühne, ein Bier in der Hand, wie er alles eine Spur zu ernst zu nehmen schien. Sie hatte ihn spöttisch beäugt, aus der sicheren Distanz. Dann hatte das Schlagzeug eingesetzt, er war zum Klavier geschlendert, hatte begonnen zu singen. Nun waren sie hier, in diesem Dorf in den Bergen, und die erdrückende Stille zwischen ihnen wuchs ins Unbeschreibliche. Liebe Freunde, ich –, setzt er an, ein Stuhl fällt um, eine Tür schlägt ins Schloss, Barry schaut Mick an, Hände versuchen verzweifelt, ein Glas Scotch aufzufangen. Schade um das Risotto.


Als sie in die Kälte tritt, den Mantel noch in der Hand, die Schuhe offen, die leise fallenden Flocken. Sie läuft los, dem Wald entgegen, die dunklen Tannen umfangen sie wie ein Vorhang. Sie hört eine Tür, aufgeregte Stimmen, Rufe. Im Tal funkeln die Lichter, je weiter sie geht. Irgendwann ist nur noch das Knirschen unter ihren Sohlen, der eigene Atem. Die Silhouetten der Berge leuchten im Mondlicht, still und unbeschreiblich. Irgendwann bleibt sie stehen, und jetzt. Sie findet eine Fünfpfundnote in der Jackentasche, Kaugummi in der anderen, der nächste Zug geht erst am Morgen. Und dann, wohin.


Beinahe hätte sie ihn umgerannt, in der Dunkelheit. Überrascht tritt sie einen Schritt zurück, mustert seine Erscheinung. Dunkelblonde Mähne, schwarzer Mantel, gebrochener Blick. Sie ist sich sicher, sie hat ihn schon einmal gesehen, aber. Ein paar Augenblicke stehen sie ratlos voreinander, dann beginnt er sich zu entschuldigen, fragt, was sie hier macht, ob sie mitkommen möchte, seine Freunde hätten ein Chalet gemietet, es gäbe Essen, sie könnten sich aufwärmen. Als sie aus dem Wald treten, dem hell erleuchteten Chalet entgegen, drinnen großer Auftrieb, ein Weihnachtsbaum wird geschmückt, Teller aufgetragen, Musik dringt heraus, geht die Tür auf.


Idee, Konzept, Titel, Lektorat, Risotto: f_tosse #ff
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