katharina peham | wurzeln bis zum meeresgrund

Draw a map to get lost.

Yoko Ono, Map Piece, 1964

Paula lebt. Wie man eben so lebt, in dem Dorf am Ende der Welt, wo die Arbeit die Tage bestimmt und die Erinnerung daran die Nacht. Wo der Himmel nur ein Rand ist, die Gedanken aufzufangen, damit sie nicht verloren gehen, wie eben nichts verloren gehen darf, in dieser abgeschotteten Welt. Hier wächst Paula auf, mit der stumpfen, alltäglichen Gewalt und den immergleichen Worten, Substantiven zumeist, hart, kantig, abgeschliffen an den Ecken, wo man sie angreift, um—

Mama hat mein Buch gelesen. Kommentar:

Dassd du oiwei so furchtbares Zeig schreibst wo ma tagelang der Schädel brummt. Und wos du mit meiner Lieblingsfigur gmocht host, verzeih i da nie!

— Katka. (@katkaesk) 13. April 2019

Es ist das leise Grauen zwischen den Zeilen, die Erwartung einer Entladung, für die es keine Worte gibt; denn alle Worte dienen einem Zweck. Messer. Stumpf. Auslösen. Bier. Dinge, die man anfassen kann, durchführen. Für die Vorahnung eines Kindes aber gibt es nur eines: Schweigen.

Eine dauerhafte Traurigkeit wanderte zwischen den Häusern umher und ruhte einmal im Frühling, einmal im Herbst auf den Bänken vor dem Anwesen. Daneben lehnten Spaten und Schaufeln.

Es braucht drei Seiten, dann sind die Handlung umrissen, der erste Wurf Katzen getötet und die Zuständigkeiten im Text endgültig geklärt. Paula träumt vom Meer, ihre Mutter von der Flucht aus unerträglichen Verhältnissen. Stilistisch modern, hat die Autorin ihren Sophokles genau studiert. Denn dort draußen, in der Welt, die man nur ahnen kann, hinterm Horizont, von dem niemand so recht weiß, was danach kommt:

Es war der Frühwinter eintroffen und man verlor sich zwischen den Nebelschwaden, wenn der Boden vollgesogen vom Laub und vom Regen an den tief vergrauten Morgen war. […] Der Vater entschied, sie in den Wald unweit des Hauses mitzunehmen.

Wie der Erzählfluss den Jahreszeiten folgt, das Schweigen spürbar macht, das zeitigt eine passagenweise stille, leise Erzählkunst. Die Sommersonne hält jede Zeitrechnung an; man traut sich nicht in die Küche, allenthalben faules Obst auf dem Parkett, und die müden Wespen fliegen von Frucht zu Frucht.

Dann wieder: Striemen, Schläge, Nächte hinter der unverschlossenen Tür. Mit analytischem Blick wird das Dorf beschrieben: wie die Hochzeitskapelle versehentlich den Trauermarsch spielt, der Alkohol als sozialer Kitt eine Maschinerie am Laufen erhält, die zuverlässig und ausnahmslos ins Unglück führt.

Das Heimtückische an der Zeit war, dass man sie nicht ungeschehen machen konnte. Im Dorf gab es reichlich Zeit. Gleich war es mit der Angst, diese süße, wunderbare Angst, die man am Wegesrand auflas oder sich von den Zwetschgenbäumen pflückte. […] Die Angst war ein verschluckter Zwetschgenkern.

Es sind diese kurzen literarischen Passagen, die auf eine andere, nobelpreisbekrönte Dichterin verweisen. Dazu die Kindheit auf dem Dorf, jenseits der Welt; die Parallelen sind offensichtlich, gleichwohl durch eine jüngere Brille beschrieben, mit dem Seziermesser als Füllhalter.

Ein Happy End bleibt der Leser*in übrigens versagt: eine winzige Unachtsamkeit führt direkt in ein schwer erträgliches, gewaltsames Ende. Das Dorf tut, was es am besten kann: trinken und schweigen. Ans Meer gelangt hier niemand.

für fans von: herta müller, margaret atwood, sarah kane.

Katharina Peham, geboren 1990 im Mostviertel, Literaturbloggerin, Jungautorin™, weltgrößter Herta-Müller-Fan. Veröffentlichungen in div. Zeitschriften, u.a. mischen (2019 ff.), DUM (2017), in den Anthologien Frauen.Wahl.Recht (Literaturedition Niederösterreich 2018), So schön die Nacht (Piepmatz 2018) und 1000 Tode schreiben (Frohmann 2015). Co-Initiatorin des Projekt *.txt (2015-2018, mit Dominik Leitner).

Katharina Peham: Wurzeln bis zum Meeresgrund. Erzählung. Illustrationen von Manfred Poor. Literaturedition Niederösterreich (2019). 118 Seiten, € 20.-, ISBN: 978-3-902717-49-8. Das Buch gibt es hier.