mare imbrium

Nach einer langen Zugfahrt, durch ein flußumranktes Tal, den Pappeln entlang, unter furchteinflößend hohen Bergen hindurch, die träge grasenden Yaks an den Hängen, die Bauern in ihren traditionellen Kostümen. Durch Schluchten und Abgründe, in vegetationslose Höhen, schließlich ein weites Flachland, die Tiere zunehmend spärlicher; keine Sonne über den Ebenen, kein Sand, keine Salzflächen. Ich schlafe ein, wache auf, Christopher drückt mir ein wenig Tsampa in die Handfläche, Gerste mit Yakbutter vermengt, gegen die Übelkeit, gegen die Höhe. Mir wird schlecht davon, ich trinke einen Schluck Tee, der Abdruck meiner eigenen Spucke an der Tasse erinnert mich für den Rest der Fahrt an diesen Moment.


Draußen endlose Einöden. Wir spielen Karten, später hören wir auf. Die Temperatur steigt, wir sitzen herum, in der abgestandenen Luft, ich nehme nur noch das Rattern der Schienen wahr, den ewigen Puls der Fahrt. Christopher betrachtet die Deckenlichter, wie sich sein Schlüsselbein unterm Hemd abzeichnet, in der zunehmenden Nacht. Irgendwann, nach Stunden oder Tagen, die Zeit spielt keine Rolle mehr, hält der Zug an, ein furchtbar langer Akt; ein schrilles Quietschen leitet die Bremsung ein, wir verlieren an Fahrt, die Beschleunigung ist spürbar, über hunderte Kilometer. Schließlich, Stillstand. Die Türen öffnen sich.

Wir stehen im grauen Staub, Hügelketten ziehen sich bis zum seltsam nahen Horizont. Über uns der schwarze Sternenhimmel. Wir gehen langsam in die angegebene Richtung, eine ungekannte Leichtigkeit in unseren Schritten. Hinter den Bergen öffnet sich eine weite Ebene, darin eine Tür, der Weg schwach erleuchtet.


Nichts bewegt sich in dieser stillen Welt, die Staubkörner liegen seit Jahrtausenden, kein Wind stört ihre Ruhe. Die Landschaft wirkt rau, erodiert von der reinen Zeit. Der jährliche Niederschlag nahezu Null, Windgeschwindigkeit nicht messbar, die nackte Haut unter dem dünnen Stoff fühlt keine Kälte. Es gibt keine Legenden und Berichte über diese abgelegene Gegend, nichts steht von ihr in den alten Schriften, Amundsen hat sie nicht durchquert, Hedin niemals kartographiert, keine Straßen, kein Wasser, ihre vergessenen, unterirdischen Nekropolen bleiben bis zum heutigen Tage unberührt. Wer hier wohnt, altert nicht, sagen die einen; aber, so die anderen, hier wohnt doch niemand.

Als Friederike Mayröcker die Tür öffnet, ganz in schwarz, uns hereinbittet, stehen wir in einem Haus aus Papier. Es gibt Tee aus alten Porzellantassen, wir sprechen über vergangene Zeiten und jene, die nicht mehr kommen werden. Ja, die Zeit, lacht sie bitter. Chronistin einer verlorenen Epoche, es heißt, sie habe die Klassiker noch selbst gekannt, damals; wir sitzen im Schreibzimmer, es ist kühl in diesem Haus unterm Sternenzelt. Sie schiebt ein paar Gedichte in den Ofen nach, wir blicken frierend aus den Fenstern. Einöde, grauer Staub. Die Erde liegt schwer auf unseren Schultern. Am Ende des Sichtfelds geht die Zeit unter.


Auf dem Heimweg erzählt Christopher, wie er einmal ein altes Buch fand, in einem Antiquitätenladen in Lhasa; es war auf deutsch, die lautmalerischen Gedichte unverständlich, die Sprache seltsam dysfunktional. Christopher rezitiert ein paar Salven, aus dem Gedächtnis. Wir laufen unter dem sternlosen Himmel.


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